Ist die Hotelausbildung wirklich so schlecht?

By | 8. September 2019
Ausbildungsreport 2019 - Eine Rezension

Der DGB-Ausbildungsreport 2019 ist draußen – und schon ist pressauf, pressab zu lesen, dass die Gastronomie-Auszubildenden zu den Unzufriedensten gehören. Aber ist das so?
Ich glaube ja grundsätzlich keiner Statistik, die ich nicht selbst erstellt habe oder von der ich zumindest weiß, wie sie entstanden ist. Und da ich im Laufe der Jahre eine Menge zufriedene und glückliche Hotelfachauszubildende kennen gelernt habe, möchte ich mir den DGB-Report im Folgenden etwas genauer ansehen.

Aber zuerst kurz zur Enstehung dieses Artikels:
Als ich anfing, ihn zu schreiben und den DGB-Bericht zu analysieren, war ich ziemlich schnell im typischen Ausbilder-/Arbeitgeber-Rant: „Die Azubis von heute sind fordernd und unrealistisch…“. Und siehe da – es gibt eine IHK-Umfrage unter Ausbildungsbetrieben, die 84% der Auszubildenden unklare Berufsvorstellungen unterstellt.
Genau das wurde natürlich genauso polemisch von der Presse geteasert, wie die Unzufriedenheit der Auszubildenden im DGB-Report.

Okay, für jede Statistik gibt es eine Zielgruppe und die Betroffenen. Ich bestreite ja auch gar nicht, dass es in unserer Branche schwarze Schafe gibt. Leider viel zu viele, so dass das Ansehen der Gastro-Berufe leidet. Aber es gibt eben auch die Anderen. Die, die sich engagieren, die etwas anbieten, die im Nachwuchs die Leidenschaft für den Beruf wecken und befeuern wollen. Und deren Zöglinge sind meines Erachtens wesentlich mehr, als die befragten Unzufriedenen, die in der DGB-Statistik dargestellt werden.

Klar möchte der DGB ein möglichst schlechtes Bild zeichen (behaupte ich mal), sonst wäre seine Existenz ja in Frage gestellt. Also passen die Ergebnisse zu den Fragen und andersrum. Deshalb habe ich meinen ursprünglichen Rant gelöscht und möchte nur die Schwachstellen des Reports mit Bezug auf die Gastronomieausbildung aufzeigen.

Wer wurde befragt?

Überwiegend wurden die Auszubildenden bei Informationsveranstaltungen der Gewerkschaft an Berufsschulen mittels einem Fragebogen befragt. Das fand acht Monate ab September 2018 statt. Ein Mindestausbildungsjahr gab es dabei nicht, so dass im Zweifelsfall auch Auszubildende im zweiten Monat ihre Ausbildung „beurteilen“ konnten.

Ausbildungsjahr der Befragten

Meine Kritik: Ich möchte echt nicht überheblich sein, aber ich spreche dem Großteil der Azubis (mindestens) in den ersten vier Monaten der Ausbildung ab, diese im Ganzen (so wie es der DGB-Report darlegt) beurteilen zu können. Die Meinung von frischen Schulabgängern, teils noch minderjährig, gegen die mehrjährige Erfahrung von engagierten Ausbildern zu setzen, ist … (setzt Eure eigenen Worte ein, mir fehlen sie).

Was wurde gefragt oder bewertet?

Zur Ermittlung der Ausbildungsqualität wurden vier Obergruppen abgefragt und zusätzlich ein Schwerpunkt auf Digitalisierung gelegt. Die vier Obergruppen waren:

  • Fachliche Qualität der Ausbildung
  • Ausbildungszeiten und Überstunden
  • Ausbildungsvergütung
  • persönliche Beurteilung der Ausbildungsqualität

Dazu kam das Schwerpunktthema Ausbildung 4.0.

Fachliche Qualität der Ausbildung

In diesem Bereich wurde unter anderem das Einhalten des Ausbildungsplanes, das Verrichten von ausbildungsfremden Tätigkeiten und der Ausbildungsnachweis (Berichtsheft) bewertet.

Meine Kritik: Sind die „ausbildungsfremden Tätigkeiten“ wirklich ausbildungsfremd? Kann ein Azubi das beurteilen? Natürlich gibt es den Ausbildungsrahmenplan, aber Hallo! … das ist ein „Rahmen“plan!

Als Beispiel wird angeführt, dass eine Bäckereifachverkäuferin die Filialtoilette auf Sauberkeit kontrolliert. Öhm, Praxistest: „Ja, wir holen alle 15 Minuten eine festangestellte Reinigungskraft rein.“
Ja natürlich steht das nicht im Ausbildungsplan! Warum auch? Aber es gehört zu den Aufgaben einer Bäckereifachverkäuferin in einer Festanstellung. Und genau darauf wirst Du vorbereitet?!
Was ist die Alternative? Drei Jahre Schonfrist und dann das große Erwachen? Come on!

Als nächstes Beispiel wird angeführt, dass eine Eventtechnikerin im Tagungsbereich Tische abwischen soll und im ersten Lehrjahr noch keine Lichttechnik aufbauen darf. Hallo? „Na klar holen wir eine Putzfrau für die Tische rein, weil das nicht in Deinem Ausbildungsplan steht …?!“ Leute, kommt mal klar!
Wenn das die Antworten für die „fachliche Qualität der Ausbildung“ waren – dass man im ersten Lehrjahr nicht gleich die Lichtshow für „Germanys Next Topodel“ managed, oder „nur“ das Ciabiatta rüberreicht – ja dann, Gute Nacht!

Ausbildungsnachweis

Mein Lieblingsthema …
Bemängelt wird das Führen (Schreiben) während der Ausbildungszeit.
Fakt ist: Kein Azubi schreibt gern Berichtsheft.
Fakt ist: Mindestens jede(r) zweite Azubi schreibt ungern das Berichtsheft während der Arbeitszeit. Und genau das gibt keiner zu und erst recht nicht auf dem DGB-Fragebogen!

Ich habe Auszubildenden in meiner Abteilung mehrfach angeboten oder angewiesen, dass jetzt Zeit zum Berichtsheftschreiben ist. Antwort: „Och nö, das mache ich lieber zu Hause.“ Genauso hätte der Großteil meiner Ausbilder-Kollegen nichts dagegen gehabt, wenn Azubis ihren Ausbildungsnachweis in der Arbeitszeit schreiben. Fakt ist aber: Es wurde nie danach gefragt. Und dann kommt die Gesamt-JAV mit einem Fragebogen zur Ausbildungszufriedenheit in der Kette um die Ecke und fragt nach dem Berichtsheft. Und was kreuzen unsere Auszubildenden in der Umfrage zu 90% an? Genau! Dass sie während der Arbeitszeit kein Berichtsheft schreiben dürfen. WTF??
Eine solche DGB-Umfrage bewerte ich genau mit 0% Wahrheitsgehalt!

Ausbildungszeit und Überstunden

Laut Report werden pro Woche regelmäßig 1-5 Überstunden geleistet.
Öhm ja, das könnte ein realistischer Wert in der Gastronomie und Hotellerie sein.

Überstunden in der Ausbildung

Meine Kritik: 1-5 Überstunden pro Woche werden bemängelt? Ehrlich?
Ja, als Gewerkschafter und Arbeitnehmer ist das natürlich zuviel!
Aber: Überstunden kann man in der Gastronomie nicht ausschließen. Und deshalb werden sie aufgeschrieben! Zumindest in der Ausbildung. Obacht vor Betrieben, die das nicht tun! Und wenn sie aufgeschrieben werden, werden sie ausgeglichen. Fast 70% der Befragten erhalten für Überstunden einen Ausgleich, meistens in Freizeit. Und nun verstehe ich das Problem nicht mehr: Da arbeiten sie im Durchschnitt jeden Tag 12-60 Minuten mehr und erhalten dafür zusätzliche freie Tage. Also wirklich, wo ist das Problem? Wird das überhaupt als Problem empfunden? Danach fragt der Report nämlich nicht!

Ausbildungsvergütung

Was soll man dazu sagen, Geld hat man immer zu wenig. Wobei sich in letzter Zeit einige Leuchtturm-Betriebe auch in Sachen Ausbildungsvergütung einen Wettbewerbsvorteil auf dem knappen Azubi-Markt verschaffen. Also Augen aufhalten und mit dem richtigen Engagement ins Vorstellungsgespräch, dann klappt das auch.

Persönliche Beurteilung der Ausbildungsqualität

Auch hier waren die Hotelfachleute eher im letzten Drittel der Zufriedenheit vertreten. Wobei das schlimmer klingt, als es aussieht:

Zufriedenheit in der Ausbildung

Schaut man sich die Grafikauswertung mal an, sind 60% „(sehr) zufrieden“, knapp 30% „teilweise zufrieden“ und nur 10% „unzufrieden“. In einer Branche, in die viele auch in die Ausbildung rutschen, weil sie nichts anderes finden, halte ich den Wert für angemessen.
Auch sagt der Ausbildungsreport, dass ein enger Zusammenhang zwischen der Ausbildungszufriedenheit und der korrekten Behandlung durch die Ausbilder besteht. Angesichts der vielen schwarzen Schafe, die immer noch ausbilden dürfen, halte ich den Wert von „nur“ 10% sogar für einen Hoffnungsschimmer 🙂

Das Schwerpunktthema: Ausbildung 4.0

Gemeint ist die Digitalisierung. Der Report befragte die Auszubildenden gezielt nach der Bedeutung von Digitalisierung in ihrem Beruf und die aktuelle Qualifizierung dafür während der Ausbildung. Ganz klar geht die Aufforderung an die Berufsschulen, die Vermittlung der Medien- und Technologiekompetenz stark zu verbessern oder überhaupt erstmal einzuführen.

Meine Kritik: Die Digitalisierung ist in aller Munde und der DGB hat sich das Buzzword ebenfalls auf die Agenda gesetzt. Herzlichen Glückwunsch! Aber wie realistisch ist das oder anders gefragt: Kann man die (fehlende) Digitalisierung pauschal überall antackern? Es gibt nunmal Berufe und Tätigkeiten, wo noch der Mensch gefragt ist. Zum Glück. (Naja, oder auch nicht, wenn man einige Hoteliers fragt, aber das ist ein anderes Thema.)

Die passende Auswertung dazu im Ausbildungsreport finde ich fast grandios:

Besonders schlecht vorbereitet auf die Anforderungen der Digitali- sierung in der zukünftigen Arbeitswelt fühlen sich Auszubildende, bei denen nach eigenen Angaben Aspekte der Digitalisierung und Automatisierung in der Ausbildung generell eine geringe oder gar keine Rolle spielen.

Ausbildungsreport 2019 der DGB Jugend

Da bleibt fast nichts mehr hinzuzufügen. Außer vielleicht der Kommentar eines Users im Spiegel-Online-Forum:

Digitalisierung in der Kochausbildung? Soll der Koch etwa lernen, wie man den Thermomix per App bedient oder Rezepte auf Chefkoch.de findet?

Tipps gegen die Unzufriedenheit in der Ausbildung

Naja, aber es bleibt dabei: der Grundtenor des Ausbildungsreport ist, dass Auszubildende in der Gastronomie unzufrieden sind. Wie kann man das vermeiden? Klar, die Ausbildung und die Bedingungen für Auszubildende verbessern. Und das machen auch schon viele Betriebe.
Daher mein Tipp an alle zukünftigen Auszubildenden: Macht Praktika und nutzt die Möglichkeit zum Probearbeiten. Fragt aktiv danach! Und wenn Ihr dann im Betrieb seid, fragt die anderen Auszubildenden, wie zufrieden sie sind und was für sie in der Ausbildung getan wird. Von ihnen bekommt ihr die ungeschminkte Wahrheit und könnt Euch ein Bild vom Betriebsklima machen. Der Personaler kann Euch im Vorstellungsgespräch viel erzählen! Aber am Ende vom Tag verbringt Ihr zwei bis drei Jahre in diesem Betrieb und könnt nicht mal eben so kündigen. Deshalb investiert diese 2-5 Tage, um Eure Entscheidung safe zu machen. Und die Auswahl an Ausbildungsbetrieben ist heutzutage echt groß. Wenn es nicht passt, probiert den nächsten aus …

Fazit

Ja, es tut gut, den Spiegel vorgehalten zu bekommen. Das eigene Ausbildungsverhalten sollte man regelmäßig reflektieren und hinterfragen, ob man den Ansprüchen des Nachwuchses gerecht wird. Dabei hilft der Ausbildungsreport sicher ein Stück weit.

Es gilt, vernünftige und ansprechende Rahmenbedingungen anzubieten, damit sich die Interessierten und Willigen mit Spaß an der Aus- und Weiterbildung wohl in ihrem ausgesuchten Beruf fühlen können.

Die Arbeitgeber und Ausbilder, die darin ein reines Gewissen haben, müssen sich nicht um die flüchtig gesetzten Antworten von frustrierten Schülern mit einem Not-Ausbildungsplatz scheren. Sie bekommen ihr Feedback nicht aus dem Ausbildungsreport der Gewerkschaft, sondern aus den Prüfungsergebnissen ihrer Schützlinge und den Übernahmeanfragen der Auszubildenden. Und wer ordentlich ausbildet und anstellt, braucht sich um den Fachkräftemangel meines Erachtens keine Sorgen zu machen!

Leider bildet der Ausbildungsreport aber auch die negativen Gastronomiebetriebe ab, die noch ausbilden dürfen und darin tatsächlich eine Quelle für günstige Arbeitskräfte sehen. Zusammen mit den eher negativen Auslegungen der Antworten durch den Gewerkschaftsbund geht wieder das schlechte Bild der Gastronomie an die Öffentlichkeit. Schade!

Wie geht es Dir in der Ausbildung?
Schreib mir Deine positiven oder negativen Ausbildungserlebnisse in die Kommentare! Hat der DGB-Ausbildungsreport Recht?

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